Bernhard Nürnberger

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GRYLLENKUNST

assemblagen / komposite

     






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 von Malte Wienebüttel

zu

ARS GRYLLORUM

#gryllenkunst

 Der antike griechische Begriff gryllos, grylloi (Fabelwesen & Kunst), lateinisch gryllus bezeichnet eine seltsame Figur bzw. ein groteskes Mischwesen, das aus verschiedenen Körperteilen von Tieren oder Menschen zusammengesetzt ist. Sie finden sich  auf Siegeln und Gemmen oder Kameen neben Figuren der Sternzeichen und mythologischen Gestalten. Nach der Christianisierung des römischen Imperiums verlieren die Bilder auf den Gemmen nicht ihren ihren Wert und ihre Bedeutung als Schutz von Krankheit und Gefahren, auch wenn ihr spezifischer Sinn nicht mehr bekannt war.


Derartige Motive finden sich auch in der ägyptischen, alt-orientalischen, etruskischen und skytischen Kunst


In der Kunst des Mittelalters gehören sie zum Repertoire der Illumination von Klosterhandschriften (z. B. auf den Rändern von Manuskripten)und in der Architekturplastik. Hier werden sie als “Drolerien” oder "Bizarrerien" bezeichnet. Sie sind Gegenbilder zum Heiligen.

 

 "so nichtig, wie Träume von Kranken", so Horaz, Dichter in der augusteischen Zeit.

In der Italienischen Renaissance wird die Entdeckung der Domus Aurea des Kaisers Nero und mit ihr die Dekorationsmalereien, "Grottesken" genannt, zu einem wichtigen Impuls für viele bildende Künstler. Die Maler Hieronymus Bosch und Giuseppe Archimboldo werden in ihrer Zeit pictor gryllorum genannt.

 

Nach Plinius d. Ä. (1. Jh. n. Chr.) leitet sich der Name Gryllos ab vom griechischen Maler Antiphilos in Ägypten im 4. Jahrhundert vor  Christus, “er malte auf scherzhaften Bildtafeln einen als Gryllos bezeichneten Figurentypus (oder Mann) von lächerlicher Erscheinung. Daher werden diese Malereien grylloi genannt.”(nach Hammerstädt, 2000)  Plinius schreibt: Antiphilos (um 330 v. Chr.) malte lieber Ungeheuerlichkeiten als naturgetreue Nachbildungen.

So etwas gibt es nicht, kann es nicht geben, hat es nie gegeben.


Horaz, Dichter in der augusteischen Zeit benennt sie als Gebilde, bei denen nicht Kopf und nicht Fuß derselben Gestalt angehören, so nichtig wie Träume von Kranken, Antiphilos malte scheußliche Götter, verworrenes Gezücht und den Kläffer Anubis von ausländisch-ägyptischer Erscheinung.

Vasari über Leonardo: Er malte Erschreckendes durch verschieden Zusammenstellungen

von grässlicher Erscheinung. 


Alfonso Daniel Rodríguez Castelao:   Gryllismo ist für den galizischen Autor und Künstler Alfonso Daniel Rodríguez Castelao eine Form der grotesken und absichtlichen Verzerrung der Realität.  Der Gryllismo geht  auf einen Maler Antiphilos zurück, der die als "Grylli" lächerliche, oft hybride Wesen oder groteske Kompositionen gestaltete.
Castelao unterschied strikt zwischen beiden Formen. Während die Karikatur eine beabsichtigte Synthese darstellt, die reale Züge zusammenfasst, ohne die Harmonie des Ganzen zu zerstören, ist der Gryllismus eine Form der Kunst, die absichtlich die fassbare Realität zugunsten des Grotesken und Abnormen verformt, um beim Betrachter Heiterkeit oder Empörung auszulösen.

Künstlerische Freiheit:

Er sah den Gryllismus als ein Genre, bei dem sich der Künstler von den traditionellen Regeln und Zwängen der Methode befreit, um rein empirisch und frei aus der Inspiration heraus zu zeichnen.

Der Begriff leitet sich etymologisch vom antiken Gryllos ab, einer Bezeichnung für Verschiedenes, wie etwa gemalte oder geschnitzte, groteske, missproportionierte Figuren, für Monster (oder oft Menschen  mit tierischen Zügen) oder für exzentrische Tänzer. (1921)


Foucault untersucht den historischen Wandel in der Bildsprache vom Mittelalter zur Renaissance. Er bezeichnet mit dem Begriff Gryllos eine groteske, fantastische Mischgestalt aus Mensch, Tier und Dämon, gestaltet namentlich in den Werken  von Grünewald, Dürer und Bosch.   Im 15. und 16. Jahrhundert ändert sich die Bedeutung der "Versuchung" von Heiligen, wie etwa die des Heiligen Antonius. Die bildlichen  Darstellungen der Versuchungen dienen nicht mehr allein der moralischen Belehrung. Dem Gryllos-Wahn wird eine eigene, unheimliche Anziehungskraft zugeschrieben. Der Gryllos verkörpert das Nicht-Menschliche,  das Fantastische und Widernatürliche der eigenen Phantasie. Der Wahn fasziniert, weil er Wissen ist. "das heißt, weil zunächst all diese absurden Gestalten in Wirklichkeit Elemente eines schwierigen und geschlossenen, esoterischen Wissens sind (...) und der Heilige Antonius, der durch sie versucht wird, ist nicht der Heftigkeit der Begierde ausgesetzt, sondern dem viel hinterhältigerem Stachel der Neugier. Er wird versucht durch jenes ferne und doch so nahe Wissen, das der Gryllos mit seinem Lächeln zugleich anbietet  und vorenthält."




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non finito / ruinieren / fragmentieren / zusammenfügen

Assemblage / Coudrage / Rosskur / Komposite


Bernhard Nürnberger fertigt seit dem Ende der 60er Jahre sporadisch, seit 1984 kontinuierlich Assemblagen in der Gestalt menschlicher Körper aus Materialen unterschiedlichster Art und Herkunft. Es sind eher Sammel- als Fundstücke. Sein besonderes Interesse gilt Kunst- und Naturstoffen, Folien, Rinden, Borken, Planen und Gewebeflächen. Dazu gesellen sich gelegentlich  Teilstücke eigener - gescheiterter - Leinwandbilder. Diese Zusammenfügungen zu

biomorphen Gestalten

 haben sich bei seiner akademischen Stilllebenmalerei entwickelt,

sie werden ihrerseits zu  Vorgaben für seine Malereien.   

Orientierung geben ihm Werke von ihm geschätzten Künstlern.

Im Laufe der Jahre haben sich die Assemblagefiguren zu eigenständigen Objekten emanzipiert.  Ihre Kunstform

als Abfall, Verbrauchtes, Verschliessenes und Ruinösen – verweist auf die  Vanitasmitgift

des Materiellen und zugleich auf sein Weiter- und Überleben.


Seit ca. 2004 nennt er sie

"Gryllen"

und weitet so ihre kunstgeschichtliche Genealogie weit zurückgreifend in die Antike, vor

den Dadaismus

und dem 

Surrealismus der klassischen Moderne.


Malte Wienebüttel

letzte aktualisierte Textfassung 4/2026

erste Textfassung   ca. 2004



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Rede von Lutz Glasenapp, im Juni 2026

anlässlich der Ausstellung ARS GRYLLORUM, Gryllenkunst in der Kunstkirche Woddow (UM)


Der Künstler Bernhard Nürnberger, Gryllen im Kopf, im Bild und drum herum


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 Bei Freunden und Kunstliebhabern ist  BN  v. a. bekannt als origineller Kopfkünstler, ein Stein-Bildhauer, der besondere, in aller Welt / ganz Europa gesammelte Stein-Fundstücke zu Kopfskulpturen verarbeitet. Keine Porträts, keine satirischen Charakterköpfe, eher mehrdeutig Rätsel aufwerfende Physiognomien, Köpfe, die durch skulpturale Verfremdungseffekte (wie Löcher, Steinabspaltungen, Assemblagen-ähnliche Material-Mixturen, die insbesondere dem Ausgangsmaterial „Stein“ seine individuelle Ehre verleihen.Damit fügt er seiner Kunst bewusst ein Irritations- und Verwirr-Element bei, „etwas in Richtung auf den Zuschauer feindlich Bewegtes“ (Aby Warburg),

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das eine kreative Wahrnehmungs-Verwirrnis provoziert und den Betrachter zu fantasie-vollen Interpretationen (Nietzsche spricht von individuellen Ausdichtungen) verleiten kann und soll.*1)

 

BN ist jedoch ebenso ambitionierter Maler wie Bildhauer und natürlich finden sich die „verfremdenden“, ironischen Verwirr-Elemente auch in seinen Bildern.*2)

Viele seine Motiv-Vorlagen gründen auf

zwei Inspirationsquellen:

1.) arrangierte Assemblagen aus Trash-Material, Abfallresten aus Plastik, Gummi und Textilfetzen, also minderwertigem Schrott. *3)

2.) seine Bildkonstruktionen richten sich teilweise eng an großen Vor-Bildern aus, (wie Leonardo da Vinci, Caravaggio) indem sie die Komposition belassen und die Figuren der

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 Vorlagen, also Heilige und Engel durch gemalte Trash-Figurinen ersetzen.

Historische Anmaßung?

Nein, das ist BNs „Gryllenkunst“,  ARS GRYLLORUM, wie er sie selbst benennt.

Als „Grylloi“ bezeichnete der antike römische Naturforscher Plinius d. Ä. jene „lächerlichen“ Figuren auf den Bildern von Zeitgenossen. Durch die Jahrhunderte (Michelangelo bis Goethe) wurden groteske, lächerliche, ironische-satirische, nicht mainstream-konforme verfremdende Züge in jeglichen Künsten als „gryllenhaft“, also oft eher negativ konnotiert.

BN eignet sich das Negativ-Image positiv an und verleiht ihm gestalthafte physische Präsenz in Form der Trash-Assemblage-Gestalten, mit Köpfen aus BNs „B-Produktionen“. Gryllen, die

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 nicht nur in seinen Bildern „abgemalt“ erscheinen, sondern als eigenständige Figurinen seine Ausstellungen bevölkern und mit den Malereien und mit seinen „ernsten“ Steinköpfen kommunizieren. BNs ARS GRYLLORUM versucht nicht die Gebrochenheit der Menschen und der Gesellschaft durch die Groteske, durch pathetische Übertreibung widerzuspiegeln, sondern durch sanft ironische V-Effekte den Betrachter zu neuem Sehen herauszufordern, durch Gestaltungen, die man so noch nicht kennt.  Seine Gryllen schaffen Distanz, vermeiden Pathos.

Seine Kunst ist ernst, rätselhaft und humorvoll, gryllenhaft. Das macht BN zu einem sanften Melancholiker.

 

*1) der größte Teil ist nicht Sinneneneindruck, sondern Fantatie-Erzeugnis, es werden nur kleine Motive aus             den Sinnen genommen und diese werden sodann "ausgedichtet".

*2)Malerei / Assemblagen /  Köpfe > Einheit, keine künstlerischen Phasen

*3) Assemblage-Prinzip (die Objektwelt durch neue Zusammenhänge neu lesen), Verwendung von Teilstücken             eigener, aufgegebener  Leinwände.